Dirk Lotze - Journalist
Für die Wuppertaler Schwebebahn sind die kommenden Monate entscheidend

Für die Wuppertaler Schwebebahn sind die kommenden Monate entscheidend

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Schwebebahn-Zug 01 aus der neuesten Wagen-Generation in der Werkstatthalle. Archiv-Foto: Wuppertaler Stadtwerke

Wuppertal. Bei den technischen Problemen der Wuppertaler Schwebebahn entscheiden die kommenden Monate. Eine frühere Vereinbarung zwischen dem Hersteller und den Wuppertaler Stadtwerken habe nicht gehalten, jetzt solle es anders werden, erläutert der Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, Landtagsmitglied Dietmar Bell (SPD), auf Anfrage. Wie nun die Zusammenarbeit weiter laufe, bestimme den Kurs. Die Stadtwerke investieren erhebliche Mittel in die Schwebebahn, die mit hohen Beträgen aus Landes- und Bundeskasse finanziert ist. Die Bahn verkehrt derzeit wegen massiver Schäden werktags nicht mehr und transportiert Fahrgäste nur noch an den Wochenenden. Freitag (28. August 2020) informierte sich der Aufsichtsrat über ein Gutachten der Beratungsfirma Ernst und Young, Dienstag (1. September 2020) soll der Vorstand der Stadtwerke an den städtischen Finanzausschuss berichten. Allein der Wartungsaufwand habe sich binnen weniger Jahre mehr als verdoppelt, sagt Bell. Er fügt hinzu: "Mir ist klar, dass das in Wuppertal ein emotionales Thema ist. Wir glauben immer noch, dass wir die Schwebebahn fehlerfrei herstellen können."

Leistungsfähigstes, öffentliches Verkehrsmittel
entlang der Wuppertaler Talachse

Die elektrisch betriebene und mehrfach modernisierte Schwebebahn von 1901 ist ein weltweit einzigartiges Bauwerk. Die Züge mit ihren Radgestellen hängen an einer einzigen Schiene unter einem Stahlgerüst. Es gibt keine Kreuzungen mit Straßen oder anderen Bahnlinien. Die Schwebebahn ist das leistungsfähigste, öffentliche Verkehrsmittel entlang der Wuppertaler Talachse. Das Busnetz dient überwiegend als Zubringer. Derzeit ersetzen allerdings an den Werktagen weitere Busse die Züge, die im Depot und der Werkstatt bleiben. Grund sind extreme Probleme mit der neuesten Wagengeneration, mit Baujahren 2015 bis 2017. Laut früheren Mitteilungen führen die Stadtwerke eine Liste mit mehr als 200 Mängeln. Im Frühjahr 2020 traten zusätzlich weitere Schäden auf: Die Räder der Bahn nutzten sich ungleichmäßig ab. Der Grund ist noch unbekannt. Die Wagen fahren stark ruckelnd und sind extrem laut. Die Stadtwerke nahmen Züge aus dem Verkehr, um sie zu reparieren. Mitte August 2020 wurde die zeitweise Sperrung der Bahn nötig, weil nicht mehr genug fahrtüchtige Züge bereit standen. Früheren Mitteilungen zufolge waren zudem bereits Schäden am Gestell aufgetreten.

Die Herstellerfirma Kiepe Electric teilt auf Anfrage mit, sie und die Wuppertaler Stadtwerke hätten eine Umsetzungsvereinbarung unterzeichnet, nach der die im Projektverlauf aufgetretenen Mängel - wie an der Fußbodenverklebung und bei der Verschraubungen von Sitzen - beseitigt werden sollen: "Diese Abarbeitung stand niemals in Frage, ist bereits vor einiger Zeit zugesagt worden und wurde bereits begonnen. Ziel ist es, gemeinsam alle Anstrengungen zu unternehmen, um möglichst alle Mängel an allen Fahrzeugen in einem bestimmten Zeitraum vollständig zu beseitigen."

Suche nach Grund für den
Verschleiß der Räder läuft

Geprüft werde der auffällige Verschleiß der Räder, fügt die Unternehmenssprecherin hinzu: "Die konkrete Ursache für die Defizite der Räder wird derzeit ermittelt. Danach kann erst beurteilt werden, ob es sich um einen Mangel handelt und wer diesen zu vertreten hat." Der Radverschleiß sei unabhängig von anderen, festgestellten Mängeln zu sehen.

Während die Technikerinnen und Techniker nach den Fehlern suchen, steht bei den Stadtwerken auch die Organisation auf dem Prüfstand. Das entsprechende Gutachten der Beratungsfirma Ernst und Young haben die Stadtwerke beauftragt. Der Aufsichtsrat sieht in dem Ergebnis eine Entlastung des Vorstands. Die Stadtwerke werden allerdings aufstocken: Die Schwebebahnwerkstatt erhält 20 neue Arbeitsstellen, kündigt Dietmar Bell an. Das Unternehmen wolle dem extrem gestiegenen Wartungsaufwand begegnen und unabhängiger vom Hersteller werden.

Wartungsaufwand innerhalb weniger Jahre
mehr als verdoppelt

Jede Schwebebahn fährt 80.000 Kilometer im Jahr - wenn sie denn fährt. Für den Betrieb insgesamt wendeten die Stadtwerke 2013 rund 24.000 Arbeitsstunden auf, sagt Bell. Inzwischen betrage der Aufwand ungefähr 54.000 Stunden pro Jahr. Dabei hätten die neuen Wagen eigentlich Erleichterung schaffen sollen. Das Gegenteil war der Fall. Bell: "Es gab am Anfang die verspätete Auslieferung und kleinere Mängel, die aber den Betrieb nicht beeinträchtigt haben. Dann der Vorfall, bei dem ein Zug das Gerüst berührte, was schon gravierend war. Wir haben eine Zeit lang keine Schwebebahn abgenommen, wegen der Mängel."

Im September 2018 habe es eine Vereinbarung mit der Herstellerfirma Kiepe Electric gegeben. Mängel sollten beseitigt werden, ein Zeitplan sei festgelegt worden. Dietmar Bell erläutert: "Diese Vereinbarung wurde aber vom Hersteller nicht eingehalten." Aktuell stehe für die Stadtwerke das Problem mit Rad und Schiene im Vordergrund. Als dies zu den vorherigen Mängeln dazu kam, sei es zu viel geworden.

Stadtwerke binden
Fördergeber ein

Derzeit hat Kiepe ein Fahrzeug beim Schienenfahrzeughersteller Talbot in Aachen in Überarbeitung, sagt Bell. Insgesamt stehen jetzt zu wenig Fahrzeuge für den Regelbetrieb zur Verfügung.

Dietmar Bell sagt, die Stadtwerke befinden sich in ständigem Austausch mit den Fördergebern in Bundes- und Landesregierung. Er sehe Chancen, dass die Zusammenarbeit mit Kiepe Electric nun besser laufe als Ende 2018. Seit 1. Juni 2020 hat das Düsseldorfer Unternehmen mit Diplom-Ingenieur Alexander Ketterl einen neuen Geschäftsführer. Durch das Schwebebahn-Problem riskiere der Mutter-Konzern Knorr-Bremse einen Image-Schaden. Dazu kämen die Anstrengungen der Stadtwerke, sich mit einem verstärkten Werkstatt-Team selbstständiger zu machen. Die Alternative wäre, vor Gericht gegen Kiepe zu klagen. Bell: "Wir fahren in gewisser Weise zweigleisig. Ich bin sicher, wir sind auf der sicheren Seite."

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Gutachten zur Schwebebahn

Den Auftrag für das Gutachten zur Schwebebahn durch die Beratungsfirma Ernst und Young erteilte laut Aufsichtsratsvorsitzendem Bell der Vorstand der Stadtwerke, abgestimmt mit ihm. Das Expertenteam habe zur Rechtsposition der Stadtwerke gegenüber dem Hersteller berichtet, außerdem zu der Frage, ob in der Organisationsstruktur der Stadtwerke Verbesserungsmöglichkeiten bestehen. Schließlich sei es darum gegangen, ob die Entscheidung zur zeitweisen Stilllegung der Bahn zunächst bis Sommer 2021 gerechtfertigt war und sich als sinnvoll darstellt.

Bell stellte klar, er sehe das Gutachten als unabhängig an, obwohl es im Auftrag des Vorstands erstellt wurde: "Die Gutachter haben ohne Einfluss von Dritten gearbeitet. Das läuft so, dass Sie als Auftraggeber Fragen formulieren und die arbeiten das ab. Ich habe nicht mal ansatzweise den Eindruck, dass hier nicht unabhängig gearbeitet wurde."

Vorstand präsentiert Informationen im städtischen Finanzausschuss

Der Vorstand der Wuppertaler Stadtwerke berichtete Dienstag, 1. September 2020, dem städtischen Ausschuss für Finanzen und Beteiligungssteuerung.

Mitschnitt der Sitzung im RatsTV-Archiv der Stadt Wuppertal:
https://www.wuppertal.de/rathaus-buergerservice/verwaltung/politik/ratstv.php


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Zuletzt geändert am 04. September 2020