Dirk Lotze - Journalist
Geschädigte aus ganz Europa sagen in Betrugsprozess aus

Gerichtsinsel

1. April 2025: Geschädigte aus ganz Europa sagen in Betrugsprozess aus

Die Zeugen sind Landwirte, die bei einer angeblichen Firma in Velbert gebrauchte Maschinen kaufen wollten. Sie versuchten teils noch, vom Vertrag zurück zu treten - und verloren dennoch fünfstellige Euro-Beträge.

In einem Betrugsprozess gegen drei Angeklagte aus Velbert geben sich reihenweise Landwirte aus ganz Europa die Klinke in die Hände: Sie sind Zeugen im Landgericht Wuppertal - und Geschädigte einer womöglich groß angelegten Masche. Es geht um geplatzte Käufe von gebrauchten Traktoren, Maiserntern und Anhängern - bei mehr als 300.000 Euro Schaden.

In dem Prozess angeklagt sind drei Männer zwischen 37 und 46 Jahren. Sie sollen Scheingeschäfte abgewickelt haben. Sie hätten Maschinen verkauft und Anzahlungen für Fahrzeuge und Geräte kassiert, die sie nie besessen hätten. Die beiden Ältesten sitzen in Untersuchungshaft. Der Jüngste soll für sie eine Firma angemeldet und Bankkonten eröffnet haben. Derzeit ermitteln die Behörden zusätzlich im Hinblick auf Konten bei einer Bank in Litauen. Dort könnte mögliche Geldwäsche abgewickelt worden sein. Das Landgericht muss die Vorwürfe unabhängig aufklären. Der Prozess begann im Februar 2025.

Die Bauern reisen mit Angehörigen an und kommen aus Norditalien, dem Kosovo und aus Polen. Einem der Gerichtsdolmetscher stellte der vorsitzende Richter in Aussicht: "Das wird ein anstrengender Tag für Sie." Die Aussagen reichten dicht getaktet bis zum Abend.

Den Zeugen zufolge liefen die Geschäfte jeweils über Internet und Telefon, ohne persönlichen Kontakt. Ein Landwirt setzte seine Schwester zum Telefonieren ein, weil sie Deutsch spricht. Ein Mann am anderen Ende habe den Namen des zweitältesten Angeklagten verwendet. Verhandelt habe sie aber mit zwei Personen, unter zwei Handy-Nummern, da ist sie sicher.

Im Gericht springen die polnisch sprechenden Zeugen und ihr Dolmetscher anfangs jedes Mal auf, wenn sie gefragt werden. Vor den Richterinnen und Richtern stehen sie stramm; ihre Stimmen tönen laut und deutlich - bis der Vorsitzende abwinkt und beschwichtigt: "Setzen Sie sich ruhig, wir sind nicht beim Bundesgerichtshof."

Ein Zeuge berichtete: Das Geschäft über einen Maisernter für 12.500 Euro sei nach kurzer Zeit immer merkwürdiger verlaufen. Er hätte die Maschine in Bayern abholen sollen, bei einem Vorbesitzer. Der Verkäufer in Velbert sei aber auf einmal nicht mehr erreichbar gewesen. Da habe er vom Vertrag zurücktreten wollen.

Sein Gesprächspartner habe das zwar zunächst bestätigt. Die Anzahlung sei dennoch nie zurück gekommen. Das Gericht vergleicht, welche Handynummern von den Verkäufern genutzt worden sein sollen und wie deren Stimmen geklungen haben. Die Rechnungen werden abgeglichen, die Schadenssummen festgestellt.

Ein Zeuge (62) aus Kroatien sagte aus: Er habe den selben Mähdrescher, für den er 32.000 Euro bezahlt hatte, auf einer anderen Internet-Plattform noch einmal entdeckt. Erkennbar an der Fahrgestellnummer und an identischen Fotos. Misstrauisch geworden habe er den zweiten Anbieter angerufen und erfahren: Ja, man habe verkauft. Aber nicht nach Velbert. Auch er habe versucht, von seinem Kauf zurück zu treten.

Als dieser Landwirt in der Sitzung von einem der Rechtsanwälte hörte: Sein Mandant wolle Geld zurückzahlen, aber es gebe jetzt nur 5000 Euro, kämpfte er sichtlich um Fassung. Seine erste Rückfrage lautete: "Und was ist mit meinen Anwaltskosten?". Dann wühlte er sichtlich mehr und mehr aufgebracht in einer Plastiktüte, kippte deren Inhalt auf den Zeugentisch: Neben einer Wasserflasche kam ein Berg von Medikamenten-Schachteln zum Vorschein.

Er brauche jetzt eine Pause sagte der Mann. Ein Sohn begleitete ihn auf den Gang.

Das Gericht will am 8. April 2025 weiter verhandeln.

Gericht erstattet Reisekosten

Die Zeugen aus dem Ausland erhalten wie alle Gerichtszeugen Reisekosten und Verdienstausfall erstattet. Das gilt nicht für Begleitpersonen.

Die Auszahlung wickelt das Landgericht sofort nach den Aussagen ab. Die Betroffenen sollen nicht auf eine Auslandszahlung warten müssen.

Die Beträge müssen später die Angeklagten zahlen, wenn sie verurteilt werden.

Verhandlung des Landgerichts Wuppertal, 10. Strafkammer, vom 1. April 2025
Ich berichte vom Besuch der Sitzung.


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Zuletzt geändert am 03. April 2025