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700 Gärtner kämpfen für Vielfalt auf den Tellern

700 Gärtner kämpfen für Vielfalt auf den Tellern

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Susanne Gura vor einem Info-Stand des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt, dessen Vorsitzende sie ist.

Bonn. Die Hand voll Samen ist eigentlich ganz unscheinbar: fingernagelgroße Plättchen, weißlich mit einem Wulst am Rand . Der Ungeübte erkennt keinen Unterschied zu normalen Kürbissamen. Dabei gehört dieses Saatgut zu einer fast vergessenen Sorte: „Das ist Moschus-Kürbis. Der ist sehr geschmacksintensiv", sagt Susanne Gura aus Bonn, Vorsitzende des bundesweiten Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN).

700 Mitglieder von Guras Verein nehmen sich verschwindender Sorten von Gemüse, Färberpflanzen und auch Zierpflanzen an. Mehr als 4000 haben sie vorerst gerettet: Sie züchten nach, vermehren die Pflanzen und tauschen das Saatgut, das in der industriellen Landwirtschaft keine Chance mehr hat.

Was der Verein leistet, ist Basisarbeit. Die von wild blühenden Pflanzen eingesammelten Samen dürfen nicht gewerbsmäßig in Verkehr gebracht werden, weil ihnen die aufwendige staatliche Prüfung fehlt. Deshalb gibt der Verein nur eine Liste heraus; die Mitglieder geben ihr Saatgut privat weiter. Jeder kann die kleinen Tütchen verwenden - im Garten oder auf dem Balkon. Auch das ist ein Beitrag zur Erhaltung. In Bonn organisiert der Verein ein Saatgutfestival mit Informationsmöglichkeiten. Im ganzen Bundesgebiet verbreiten die Mitglieder ihr Wissen in Workshops und Vorträgen.

"Wir wollen erhalten, was unsere Vorfahren gezüchtet haben"
Susanne Gura, Vorsitzende des VEN

"Angefangen haben wir vor 30 Jahren", erläutert Gura. Damals hätten die Vereinten Nationen bekannt gegeben, dass weltweit Dreiviertel der Pflanzenarten verloren gegangen waren: "Wir wollen erhalten, was unsere Vorfahren gezüchtet haben", fügt sie hinzu.

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Samentüten mit Gründünger. Er wird als Zwischenfrucht auf Brachflächen gesät und dann untergegraben, um den Boden zu verbessern.

Das Problem sind die für Landwirte und im Gartenhandel angebotenen sogenannten Hybridsorten: Dieses Saatgut muss jährlich beim Hersteller nachgekauft werden. Es bringt nur einmal Spitzenleistungen im Ertrag. Sät man den Samen der geernteten Früchte erneut aus, zeigt sich ein dramatischer Verlust an Qualität. Gura: "Selbst Biobauern sind meistens auf Hybrid-Saatgut angewiesen, weil sie sonst nicht konkurrieren können."

Es gehe der Industrie um gleichzeitige Reifung, Lagerfähigkeit und ein bestimmtes Aussehen für den Verkauf, erläutert die Saatgutexpertin. Geschmack sei dabei egal. Bestimmte Tomatenart gebe es nicht zu kaufen, einfach weil die dünne Haus leicht reißt. Gartenmelde - als weiteres Beispiel - lasse sich zwar hervorragend wie Spinat verarbeiten, sei aber ebenfalls für den Handel ungeeignet: „Die muss man innerhalb einer Stunde verarbeiten.“

Sie selbst sei durch ihre Leidenschaft für gutes Essen auf dieses Thema gekommen, sagt Gura: „Ich ess' halt einfach schrecklich gerne leckere Sachen. Und diese Sorten haben Charakter. Man schmeckt und sieht den Unterschied.“

Siehe auch: Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt

Text und Fotos: Dirk Lotze


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Zuletzt geändert am 14. Juni 2014